Destillen-Tour Flor de Caña, Nicaragua

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Nicaragua ist schön, Chichigalpa ist unvergesslich„: Diesen Spruch findet man überall in Chichigalpa – auf Wänden, Mauern und Plakaten. Für Rum-Liebhaber ist Chichigalpa auf jeden Fall unvergesslich. Denn die Stadt im Nord-Westen des Landes, am Fuße des San Christobal-Vulkans, ist die Zucker- und Rum-Hauptstadt von Nicaragua und Heimat von Flor de Caña, der meist-prämierten Rum-Marke der Welt. Mit über 130 Auszeichnungen in 10 Jahren ist Flor de Caña eine der führenden Rum-Marken in Zentralamerika und weltweit bekannt. Grund genug, der Destille einen Besuch abzustatten.

 

Während die kleinen, unbekannten Destillen in Mittelamerika zum Teil froh sind, wenn sich Gäste für ihren Prozess der Rum-Herstellung interessieren und sich spontan Zeit nehmen, läuft es bei Flor de Caña ungleich professioneller und organisierter ab. Die Tour kostet 20 US-Dollar – für  nicaraguanische Verhältnisse eine stolze Summe. Entsprechend hoch sind meine Erwartungen…

 

Das Firmengelände ist so groß, dass die Teilnehmer der „Rum-Tour“ mit überdimensionierten Golfwagen 4 Mal am Tag, 7 Tage die Woche über das Gelände zu den einzelnen Stationen der Besichtigungstour gefahren werden. Das Areal umfasst 12 weiße Tanks für Alkohol und Melasse, mit je 1 Million Liter Fassungsvermögen.  Sie erinnern entfernt an große Gas-Kessel, die man auch in unseren Gefilden findet. Darüber hinaus unterhält Flor de Caña 13 Lagerhallen, in denen je nach Größe 15.000 – 30.000 Fässer reifen, sowie ein Museum, Verpackungsgebäude und Büroeinheiten.

 

Die Tour ist in 6 Stationen unterteilt:

  • Esatión Chichigalpa
  • Cine Adela
  • Reserva de la Familia
  • Embarrilado
  • Bodega Slow-Aged
  • Museo Flor de Caña

 

1) Esatión Chichigalpa


Die erste Station heisst „Bahnhof von Chichigalpa„. Die Überreste des alten Bahnhofs befinden sich nur 50 Meter Luftlinie vom ersten Stop der Tour. Ähnlich einer überdachten Haltestelle ist auch die Station gestaltet. Dort kann man die alte Lokomotive #5 besichtigen, mit der seit 1890 – dem Jahr der Firmengründung – Arbeiter und frisch-geschnittener Zuckerrohr auf das Gelände transportiert wurden. Heute befindet sich die Zuckermühle ungefähr 5 Kilometer nord-östlich, inmitten der Zuckerrohrfelder von Chichigalpa. Die Gegend hat den nährstoffreichsten Boden des ganzen Landes. Grund genug, dass sich das Unternehmen Ende des 19. Jahrhunderts hier ansiedelte.

 

Yader – der Guide – lässt Gläser mit Melasse herum gehen. Melasse ist ein Zuckersirup, den die Destillen vergären um daraus Rum zu destillieren. Die klebrige Masse ist dunkelbraun bis schwarz und mit einem beigen Schaum bedeckt. Die Melasse riecht süßlich und ist so zähflüssig, dass sie sich auch bei starkem Schwenken des Glases kaum bewegt.

2) Cine Adela


Vorbei an Lagerhallen und weißen Tanks geht es zur zweiten Station dem „Kino Adela„. Es ist nach Adela Pellas, der Frau des damaligen Firmenchefs Carlos Pellas benannt und war früher wirklich ein Kino. Es sollte die Mitarbeiter der San Antonio Zuckermühle bei Laune halten und spielte zwischen 1966 und 1992 regelmäßig Vorführungen. Yader führt uns in das Museum und lässt einen etwa 5-minütigen PR-Film laufen.

 

Der Film ist allerdings etwas schülstig, wie ich finde: Alte Männer stecken ihre Nasen in Rum-Gläser, der Firmengründer hält eine pathetische Rede, wie er sich freut, dass wir Interesse an seinem Unternehmen zeigen – selbstverständlich hat auch er ein Rum-Glas vor sich. Er hat sich zwischen perekt ausgeleuchteten Rum-Fässern platziert. Dann berichten Mitarbeiter und Politiker, was Flor de Caña alles für sie und die Region getan hat. Eines wird aus dem Film jedoch unmissverständlich klar: Die Größe, Professionalität und Vorreiterstellung, die das Unternehmen in Punkto Einfluss und Umweltschutz mittlerweile in Nicaragua eingenommen hat ist beinahe unvorstellbar. Flor de Caña unterstützt Krankenhäuser und Schulen, vergibt Stipendien – die Mitarbeiter können auf kostenlose medizinische Versorgung zugreifen. Neben der Rum-Sparte Flor de Caña, gehören auch Wasser, Energie und Zucker zum Geschäftsfeld. Und alles hängt mit dem Zuckerrohr zusammen.

 

Ein Teil der Zuckerernte wird für die Rumherstellung verwendet. Die ausgepressten Zuckerrohrfasern werden verheizt und treiben Generatoren an, die nicht nur den eigenen Energiebedarf decken, sondern auch in das Stromnetz eingespeist werden. Flor de Caña ist so groß, dass damit circa 10% des Energiebedarfs des ganzen Landes abgedeckt werden. Darüber hinaus recycelt das Unternehmen jedes Jahr 98% des benutzten Wassers, 250 Tonnen Karton, 700 Tonnen Glas und pflanzt 50.000 Bäume. Sogar der Projektor im Cine Adela war der erste seiner Art in Nicaragua.

 

Diese Zahlen waren sehr beindruckend, doch die Selbst-Beweihräucherung macht mich auf einmal durstig, zumal es in Nicaragua auch kein Geheimnis ist, dass die Arbeitsbedingungen für viele Arbeiter – die von Flor de Caña nicht ausgenommen – zum Teil so katastrophal sind, dass viele Menschen erkranken. Als könnte Yader meine Gedanken lesen, bricht er die PR-Veranstaltung ab und geleitet uns zur nächsten Station.

3) Reserva de la Familia

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Nun geht es ans Probieren! Das „Familien-Lagerhaus“ sieht wie eine kleine Kapelle aus, über die man über einen langen Gang in einen kühlen Keller gelangt. Vorbei an Fotos von alten Männern, die wieder ihre Nase in Rumgläser stecken kommt man in den privaten Tasting-Raum der Eigentümer-Familie Pellas. Hier wurden früher Rum-Tastings abgehalten und die wertvollsten Tropfen des Hauses gelagert.

 

Der Raum ist sehr beindruckend und geschmackvoll eingerichtet. Wenn man die Augen schließt, die angenehme Kühle auf der Haut spürt und den Duft der alten Fässer einsaugt, fühlt man sich sofort in die Mitte eines Tastings von „La Familia“ versetzt, in dem gerade ein Meister-Rum kreiert wird. Schöne Fässer dienen als Tische, drum herum sind edle Barhocker gruppiert. Alle Möbel sind aus alten, hauseigenen Fässern gefertigt.

 

Auf einem großen Glastisch steht bereits unsere Verkostungsprobe bereit: der am meisten ausgezeichnete Rum aus Nicaragua. Ein reichlich-eingeschenkter 18-jähriger Flor De Caña Centenario Gold schimmert in einem überdimensionierten, bauchigen Glas. 6 Platin-Auszeichnungen und 8 Goldmedaillen bei internationalen Spitzenveranstaltungen wie beispielsweise dem San Francisco World Spirit Competition lassen uns fast ehrfürchtig werden. Edwin, ein Rum-Sommelier, führt mit uns eine professionelle Rum-Probe im Stil des Hauses durch. An seinen Ausführungen, Erläuterungen und vor allem wie er dieses Tasting in Szene setzt, merkt man wieder, wie professionell Flor de Caña arbeitet. Es wird nichts dem Zufall überlassen.

 

Das Rum Tasting ist ein unvergesslicher Augenblick. Edwin geht mit uns die einzelnen Schritte durch und erläutert seine Vorgehensweise. Auch wenn dies nicht mein erstes Rum-Tasting ist, so freue ich mich doch wie ein kleiner Junge darüber, mit welchem Herzblut er „seinen“ Rum präsentiert. Der Centenario ist ein dunkler Rum, der beim Schwenken des Glases rote und bernsteinfarbene Nuancen Preis gibt. Auffällig sind die vielen „Beine“ oder „Tränen“, die am Glasrand hinunter laufen – ein Zeichen, dass es sich wirklich um einen alten Rum handelt. In der Nase machen sich als erstes die schweren Eichholz-Noten sowie einige Gewürze bemerkbar. Nach weiterem Schwenken gesellen sich geröstete Nüsse und Karamellnoten hinzu. Mir scheint, dass das Gläser-Schwenken der Herren Tasting-Kollegen den Raum mit schweren Eichenholz-Tönen ausfüllt.
Im Mund ist der 18-jährige Flor De Caña Centenario Gold erstaunlich trocken, was meiner Meinung nach durch einen leicht ledrigen, aber sehr interessanten Geschmack verursacht wird. Zu Beginn schmeck man sanfte Karamell-Töne und Gewürze heraus. Sofort gesellen sich Eichenholz-Noten hinzu, die von nun an die Mundhöhle dominieren. Dieser Geschmack bleibt im Abgang – ich höre sogar einen Mit-Tester sagen, dass er ein leicht pelziges Gefühl am Gaumen spürt.

 

Zum Erstaunen der Teilnehmer beendet der Sommelier sein Tasting damit, dass er einen Schluck des Rums über seine Hände gießt und diese – wie mit einer Handcreme – einreibt. Er riecht daran und presst die Hände aneinander, animiert uns, es ihm nach zu tun. So demonstriert Edwin, dass durch den 5-fachen Destillationsprozess jegliche Zuckerrrückstände verschwunden sind und durch das Fehlen von Zusatzstoffen weder ein Kleben noch Gerüche an der Hand wahrnehmbar sind.

 

Einen so außergewöhnlichen Rum in den geschichtsträchtigen „heiligen Hallen“ der Gründerfamilie zu trinken ist für einen Rum-Liebhaber ein absolut unvergessliches Highlight. Auch wenn einige meiner 7 Tasting-Kollegen verständlicherweise nicht ganz so pathetisch bei der Sache sind wie ich, beobachte ich doch den einen oder anderen, der sich vor dem Hinausgehen noch schnell die nicht-ausgetrunkenen Gläser von anderen Tour-Teilnehmern hinter die Binde kippt. Der Flor De Caña Centenario Gold scheint so zu munden, dass man nichts verkommen lassen will: ein besseres Urteil kann es auch für einen Rum der Spitzenklasse nicht geben.

4) Embarrilado

 

Leicht angeheitert begibt sich die Gruppe zur Küferei. Hier werden in mühevoller Handarbeit die Fässer zusammen gebaut, in denen später der Rum reift. Alle Fässer von Flor De Caña werden aus 1 jährigen American Standard Barrels mit einem Fassungsvermögen von 200 Litern gefertigt, in denen zuvor Bourbon gelagert wurde. Sie werden auseinander genommen, gereinigt und wieder zusammengesetzt. Um die Fässer abzudichten werden Plantanen-Fasern zwischen die einzelnen Elemente gepresst.
Anschließend füllt ein Mitarbeiter die Fässer mit Druckluft und verschließt sie. Mit Hilfe von Wasser wird dann nach Luftbläschen Ausschau gehalten. Sind die Fässer dicht, werden sie mit Alkohol befüllt, mit einem Barcode versehen und in die Lagerhallen gebracht. Ist dies nicht der Fall, durchschreiten sie den Prozess so lange, bis es nichts mehr zu beanstanden gibt.

 

Während bei Flor de Caña bis dato alles sehr steril und abgehoben wirkte, wird in der Fassmacherei klar, dass der Erfolg des Unternehmens in der traditionellen Rum-Herstellung liegt. In der Emarrilado wird alles von Hand erledigt. Es wird geklopft, geschoben, gespritzt. Hier macht man sich die Hände wirklich schmutzig um guten Rum herzustellen. 100 bis 150 Fässer schaffen die Arbeiter pro Tag. Besonders beeindruckt hat mich die Interaktion von Holz und Alkohol. Die einjährigen Bourbon-Fässer waren innen, also an der Seite, die mit dem Alkohol in Berührung kommt, tief schwarz und etwas porös. Man kann sich nur zu gut vorstellen, wie das Holz Jahr ein Jahr aus dem Rum Kraft, Farbe und Geschmack verleiht.

5) Bodega Slow-Aged

 

Zu Fuß geht es von der Embarrilado zum nächst gelegenen, kleinsten Lagerhaus. Die Bodega ist mit einem dicken Holztor und einem Isoliervorhang geschützt. Innen herrscht wieder Fotografie-Verbot. Auf 5 Etagen stapeln sich hier die Fässer. Über den Barcode auf jedem Fass, der „DNS“ des darin enthaltenden Rums, lässt sich so gut wie jede Information über Aging-Dauer, geplante Verwendung und Status des Reifeprozess auslesen. Auch hier fällt auf, dass alles sehr traditionell abläuft.

 

Die Lagerhallen sind aufgrund der Feuergefahr frei von Elektrizität. Es gibt also weder Licht noch Klima-Anlagen. Um die Temperatur so niedrig wie möglich zu halten, sind die Bodegas alle isoliert. „Zeit und Ruhe sind die wichtigsten Zutaten bei unserem Rum“, sagt Yader. Das einzige Mal, dass der Rum bewegt wird, ist nach der Hälfte der Reifezeit: Dann werden die zu Beginn mit 80%igem Alkohol gefüllten Fässer mit Wasser verdünnt: 40%iger Rum geht in den Export, der einheimische Markt wird mit 35%igem Rum bedient. Jede Lagerhalle enthält immer alle auf Lager liegenden Rum-Sorten. So verliert man im Falle eines Feuers nicht einen kompletten Jahrgang.

 

Mehr als Feuer fürchtet man jedoch etwas ganz anderes: Termiten. Yader meint, dass die Termiten Nicaraguas alle Alkohliker seien, und deswegen seinen Rum lieben. Mit einer dicken Kalkschicht am Füße der Lagerregale konnte man ihnen bislang ganz gut Herr werden.

6) Museo Flor de Caña


Das Museum ist die letzte Station einer wirklich beindruckenden Tour. Es befindet sich in einem überdimensionierten Rum-Fass, das von nicaraguanischen Architekten entworfen wurde. Das Museum ist als Rundgang mit zwei Ringen konzipiert. Im Äußeren Ring kann man sich über die Geschichte des Zuckerrohrs, die Hintergründe der Familie Pellas, über die Rumherstellung sowie die Auszeichnungen und Preise, die Flor de Caña bisher gewonnen hat, informieren. Über eine Treppe geht es in den ersten Stock, einen Barbereich, der den äußeren und inneren Ring verbindet. Dort erhalten die Teilnehmer der Tour ein letztes Mal die Möglichkeit einen Rum zu probieren.

 

Dieses Mal ist es ein 7-jähriger Rum mit Wasser vedünnt, angenehm erfrischend. Unser Guide gibt keine weiteren Erläuterungen zu dem Rum, also genieße ich den edlen Tropfen etwas abseits bei wunderschöner Aussicht auf den Vulkan San Christobal, der nur einen Steinwurf entfernt zu sein scheint. Frei nach dem Motto: „The Shot before the Shop“ geleitet uns Yader nun zum Abschluss der Tour in den inneren Ring des Fasses: den Merchandizing-Bereich.

 

Hier kann der Flor de Caña Fan zum Abschluss alles käuflich erwerben, was er sich nur vorstellen kann. Von den einzelnen Flor-de-Cana Rum-Sorten über lederne Untersetzer, Marmeladen und Kaffee mit Rum-Aroma, Gläser, T-Shirts bis hin zu Möbeln. Mich erinnert der Bereich etwas an die Fan-Shops der großen deutschen Fussballvereine. Hier wurde wirklich ganze Arbeit geleistet und man erkennt wieder das wirtschaftliche Kalkül von „La Familia“. Kichernd steigt die Gruppe die Treppen hinunter und stürzt sich in das Shopping-Vergnügen. Alkohol löst nicht nur die Zunge sondern auch das Portemonnaie.

 

Eine wirklich beeindruckende Tour bei einem wahren Rum-Giganten ist zu Ende. Hoffentlich verschonen die Eruptionen von San Christóbal – dem höchsten und einem der aktivsten Vulkane Nicaraguas – weiterhin die Zuckerrohrfelder und vor allem Chichigalpa. Es wäre schade um jeden einzelnen Tropfen Flor de Caña.